Bewusstsein und bewusstes Sein

Zwei Linien, eine Frage

Seit Jahrtausenden gibt es Untersuchungen, ja regelrechte Forschung zum Bewusstsein. Der zentrale Ausgangspunkt war dabei nicht die Aktivität des Gehirns, sondern das subjektive Empfinden des Daseins. Diese Forschung, die ich als spirituelle Bewusstseinsforschung bezeichne, hat zu tiefen Erkenntnissen geführt.

Schon früh haben die Menschen das Gehirn als Zentrum des Bewusstseins und vor allem der Gedanken identifiziert. Aber erst im 20sten Jahrhundert begann dann die physikalisch-biologische Forschung am Gehirn zu substantiellen Ergebnissen zu führen. Diese Forschung wird allgemein oft als „wissenschaftliche Forschung“ bezeichnet. Damit wird zumeist auch implizit angenommen, dass die spirituelle Bewusstseinsforschung unwissenschaftlich sei, was in der Folge zu einer Abwertung der spirituellen Forschung führte. Der Klarheit halber bezeichne ich daher diesen Forschungszweig als biologische Bewusstseinsforschung, welche in letzter Konsequenz auf Physik beruht.

Heute wird die Bedeutung der spirituellen Erforschung des Bewusstseins auch in den sogenannten wissenschaftlichen Kreisen anerkannt, und es diskutieren wissenschaftliche Meister mit spirituellen Größen. Dennoch bleibt die zentrale Frage der Bewusstseinsforschung ungelöst, nämlich wie eben diese beiden „Ansichten“ auf das Bewusstsein zu einem Ganzen verschmelzen können. Der Philosoph David Chalmers hat schon vor Jahrzehnten diese zentrale und ungeklärte Frage um das Bewusstsein als „The Hard Problem of Consciousness“ bezeichnet.

Was die Biologie nicht erklären kann

Es gibt inzwischen biologische Erkenntnisse, warum aus evolutorischer Perspektive „Gefühle“ entstanden sind, welche Gehirnregionen bei bestimmten Bewusstseinserfahrungen besonders aktiv sind, ja sogar welchen Einfluss Meditation auf die Funktion des Gehirns hat. Aber es gibt keine biologische Antwort darauf, warum sich etwas genau so anfühlt wie es das tut, warum für uns Dinge Eigenschaften haben, die über das rein Physikalische hinausgehen, warum wir uns entscheiden müssen.

Wenn wir uns entscheiden müssen, welchen von zwei Äpfeln wir essen wollen, dann kann man mit biologischer Forschung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen, für welchen Apfel sich Menschen entscheiden werden, ja man kann vielleicht sogar zeigen, dass diese Entscheidung im Gehirn gefallen ist, bevor der Mensch sich dessen bewusst geworden ist. Aber setzt man sich selbst vor diese zwei Äpfel, so nimmt einem diese biologische Erkenntnis nicht die Entscheidung ab. Ganz im Gegenteil, je länger wir über die Frage des Entscheidens nachdenken, auch wenn wir uns dabei bewusst machen, dass es aus biologischer Sicht quasi gar keine Entscheidung gibt, desto deutlicher wird uns, dass wir tatsächlich etwas tun müssen – wir müssen uns entscheiden.

Für unser unmittelbares Betroffensein ist also die biologische Forschung mitnichten die Antwort auf all unsere Probleme. Auf der anderen Seite ist es offensichtlich, dass die spirituelle Bewusstseinsforschung zu Erkenntnissen geführt hat, die sehr wohl erheblichen Einfluss auf unser unmittelbares Betroffensein haben. Ein hervorragendes Beispiel hierfür sind die Erkenntnisse der spirituellen Bewusstseinsforschung im Rahmen des tibetischen Buddhismus, welche zu Techniken und Praktiken geführt haben, die auch aus biologischer Forschungsperspektive unser unmittelbares Betroffensein mit unserem Bewusstsein tiefgreifend beeinflussen: wir „entscheiden“ nicht nur anders, sondern unser Gehirn arbeitet anders.

Was beide voneinander lernen

In Anbetracht dieser Erkenntnis stellt sich die Frage, welchen Beitrag die biologische Forschung nun tatsächlich für uns als „Subjekte der Bewusstseinsforschung“ haben könnte, abgesehen von der reinen Bestätigung, dass beispielsweise die durch Meditation hervorgerufenen Veränderungen am Gehirn messbar sind. Nun, dazu ein Beispiel, welches die Bedeutung biologischer Forschung belegt: in der Psychologie, welche zum allergrößten Teil zur spirituellen Bewusstseinsforschung gehört, ging man lange davon aus, dass es bestimmte Basisemotionen gibt, was bedeuten würde, dass im Gehirn immer wieder gleiche Prozesse dazu ablaufen müssten. MRT-Scans bei Tausenden von Probanden zeigten jedoch, dass sich den Emotionen der Probanden keinerlei eindeutige „Arbeitsmuster“ des Gehirns zuordnen ließen. Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldmann-Barrett dekonstruierte daraufhin mit ihrem Team die „spirituellen Forschungsergebnisse“ zu den Basisemotionen und konnte zeigen, dass es keinerlei Evidenz dafür gibt, sogar ganz im Gegenteil, dass alles darauf hindeutet, dass Emotionen von uns konstruiert werden, auf der Grundlage von erlernten Emotionskategorien. Diese biologische Forschung hat nun also tiefgreifenden Einfluss auf die spirituelle Forschung zum Bewusstsein.

Die Frage nach dem Bewusstsein wird nach wie vor heiß diskutiert. In Philosophie, Psychologie, Spiritualität, Neurowissenschaft und Physik gibt es bisher keine „allumfassende Antwort“ um das Phänomen des Bewusstseins zu erklären. Für uns persönlich, auf unserer Reise durch das Leben, auf unserer Suche nach einem bewussteren Sein, bedeutet dies, dass wir wohl aus allen Bereichen des Wissens unseren Weg bereiten können, dass wir jedoch niemals einer Instanz folgen sollten, die einen allumfassenden Wahrheitsanspruch beinhaltet – und diese selbstpostulierten Alleswisser gibt es in allen Bereichen: es gibt Neurobiologen die wissen, dass es keinen freien Willen gibt; es gibt religiöse Führer die wissen, dass es Wiedergeburt oder ein Leben nach dem Tod gibt; es gibt spirituelle Meister die wissen, dass nur durch eine bestimmte Technik der Geist befreit werden kann – all das sind nichts weiter als Dogmen.

Wenn man die biologische und die spirituelle Bewusstseinsforschung nicht als Konkurrenten versteht, sondern als zwei Linien, die denselben Gegenstand aus verschiedenen Richtungen beleuchten, entsteht ein Bild, das größer ist als jede der beiden Linien allein.

Das Beispiel der konstruierten Emotionen – Feldmann-Barretts Arbeit – zeigt, wie fruchtbar dieser Dialog sein kann. Was die spirituelle Forschung als unveränderliche Basisemotion behandelte, entpuppt sich als erlerntes Konstrukt. Das ist keine Entwertung des Erlebens – im Gegenteil. Es ist eine Befreiung. Wenn Emotionen konstruiert sind, dann können sie auch anders konstruiert werden. Das unmittelbare Betroffensein ist nicht Schicksal. Es ist formbar.

Die biologische Linie sagt: So ist das System beschaffen. So arbeitet es. So lässt es sich von außen beobachten.

Die spirituelle Linie sagt: So fühlt es sich von innen an. So lässt es sich von innen verändern.

Beide haben Recht. Beide sind unvollständig ohne die andere.

Freiheit durch Gewahrsein

Und dennoch, die Wahrheit ist nicht einfach etwas völlig Subjektives. Es macht auch keinen Sinn einfach zu sagen, das Wissen der Anderen sei ja nur Dogma, man müsse eben die eigene Wahrheit finden. Denn was bleibt uns denn dann als Konsens, als Basis für das Sein mit anderen Menschen? Wir sind eben soziale Wesen und all unser Verständnis der Welt, des Seins, basiert auf Konzepten die wir erlernt haben. Aber dieses Erlernen ist zum allergrößten Teil kein bewusster Prozess, bei dem wir uns aller Vorgänge in unserem Geist bewusst sind. Vielmehr ist es ein Prozess kontinuierlicher Konditionierung. Dies klingt für viele sicher erst einmal negativ. Doch tatsächlich macht dies gerade uns Menschen aus. Wenn also unser Streben nach Freiheit die Abwesenheit von Konditionierung zum Ziel hat, so ist das zwangsweise zum Scheitern verurteilt. Wenn das Ziel der Freiheitssuche aber das Gewahrseins der Konditionierung ist, und durch bewusste Veränderung unseres Verhaltens und unseres Denkens darauf eingewirkt wird, dann ist Veränderung möglich, dann wird Freiheit verstehbar und greifbar.

Und genau hier verbinden sich die beiden Linien zu etwas Praktikablem: Wir können – durch Praxis, durch wiederholte Erfahrung, durch bewusste Arbeit am Erleben – nicht nur unser Verhalten ändern, sondern die Art, wie das Gehirn arbeitet. Wie buddhistische Mönche, die jahrzehntelang meditiert haben und deren Gehirne sich messbar anders verhalten. Wie Menschen, die durch Körperarbeit lernen, Anspannung wahrzunehmen, bevor sie zur Reaktion wird. Wie Künstler, die durch Gestaltung eine innere Ordnung finden, die ihnen vorher fehlte. Das ist kein mystisches Versprechen. Es ist eine belegbare Beobachtung.

Die Spirale

Es gibt eine Beziehung, die im Zentrum all dieser Überlegungen steht und die sich erst durch das Zusammendenken beider Forschungslinien vollständig zeigt:

Mehr bewusstes Sein führt zu mehr Bewusstsein — und mehr Bewusstsein ermöglicht tieferes bewusstes Sein.

Was bedeutet das? Bewusstes Sein meint das direkte, aufmerksame Erleben des gegenwärtigen Moments – das Innehalten, das Wahrnehmen, das Bemerken, bevor die gewohnheitsmäßige Reaktion einsetzt. Es ist keine Technik. Es ist eine Haltung.

Biologisch gesehen stärkt diese Haltung Verbindungen im präfrontalen Kortex, verbessert die Fähigkeit zur Emotionsregulation, erweitert das Zeitfenster zwischen Reiz und Reaktion. Das Gehirn lernt, langsamer zu werden, wo es sonst automatisch handelt.

Spirituell gesehen öffnet dasselbe Innehalten den Raum, in dem Erkenntnis entstehen kann – nicht als Information, die man aufnimmt, sondern als Einsicht, die man erfährt. Die tibetische Meditationspraxis nennt diesen Raum nicht zufällig Klarheit.

Beides beschreibt denselben Vorgang: Wer bewusster ist, entwickelt größeres Bewusstsein – und mit diesem Bewusstsein wird das Sein nochmals bewusster. Es ist kein linearer Fortschritt, sondern eine Spirale.

Form ist Wirkstoff

Musik verändert messbar die Aktivität des Gehirns. Rhythmus synchronisiert neuronale Prozesse. Atemübungen beeinflussen das autonome Nervensystem, senken Cortisolspiegel, verändern die Herzratenvariabilität. Tanz und Körperarbeit aktivieren propriozeptive Netzwerke, die unmittelbar mit emotionaler Regulation verknüpft sind. Das alles lässt sich biologisch zeigen und messen. Insofern gehören diese Praktiken — so überraschend das klingen mag — auch zur biologischen Bewusstseinsforschung, zumindest in dem Maße, in dem ihre Wirkung messbar ist.

Aber das ist nicht das Wesentliche an ihnen.

Das Wesentliche ist, dass sie das unmittelbare Betroffensein direkt ansprechen — ohne Umweg über Sprache oder Konzept. Ein Atemzug, der tief in den Bauch geht, erklärt sich nicht. Er wirkt. Eine Melodie, die einen plötzlich zu Tränen rührt, bedarf keiner Analyse. Ein Tanz, der etwas löst, was Worte nicht erreicht haben — der tut etwas. Das ist spirituelle Bewusstseinsforschung in reinster Form: die direkte Arbeit am subjektiven Erleben.

Hier zeigt sich etwas Grundlegendes: Kunst, Ästhetik und Körperarbeit sind der natürliche Kreuzungspunkt beider Forschungslinien. Sie sind biologisch wirksam und spirituell bedeutsam. Und sie tun das nicht nacheinander, sondern gleichzeitig — im selben Moment, im selben Körper.

Wenn Emotionen konstruiert sind, wenn das Gehirn formbar ist, wenn spirituelle Praxis biologisch wirkt — dann ist die Art und Weise, wie wir eine Erfahrung gestalten, nicht zweitrangig. Die Form ist nicht Verpackung. Die Form ist Wirkstoff.

Ein Satz, der direkt ist, landet anders als ein Satz, der erklärt. Eine Geste, die vollständig ausgeführt wird, verändert etwas, was eine halbherzige Geste unberührt lässt. Das Zerreißen eines Blattes Papier ist nicht symbolisch gemeint — es ist ein Abschluss, körperlich vollzogen, neuronal verankert. Der Rhythmus, in dem etwas gesagt wird; der Raum, in dem etwas stattfindet; die Stille danach — all das sind keine ästhetischen Entscheidungen. Es sind Eingriffe am System.

Das bedeutet: Wer Veränderung anstrebt, muss die Form so ernst nehmen wie den Inhalt. Nicht weil es schöner wirkt — sondern weil die Form bestimmt, ob etwas ankommt, ob es den Körper erreicht, ob es sich festigt. Spirituelle Bewusstseinsforschung hat das immer gewusst: Ritual, Wiederholung, Verkörperung sind keine Hilfsmittel. Sie sind selbst Teil des Weges.

Rituale und Verkörperungen sind jedoch auch nicht der ganze Weg – ohne die Arbeit des Geistes führen sie ins Leere. Erst in Kombination mit der konzentrierten Betätigung des Geistes erwächst ein Weg zur Veränderung. Und genauso bedeutend ist es, wenn man Veränderung anstrebt, nicht nur auf analytisch-geistiger Ebene zu verharren, sondern diese Arbeit in eine körperliche Form zu bringen.

So entsteht der Zustand, in dem Bewusstsein und bewusstes Sein verschmelzen.